Freitag, 12. September 2014

Wilhelm Lehner


Menschen in Baden-Baden, heute:

Wilhelm Lehner

 
Heute gibt es zum Sonntag einmal keine Multimedia-Geschichte, sondern es geht diesmal zurück in die Vergangenheit. In eine Zeit, in der ich mir als Kind am Fenster vom Süßigkeitenladen die Nase platt gedrückt habe. Oder am Weihnachtsfester des Warenhauses, in dem die elektrische Eisenbahn ihre Runden drehte.

Und jetzt, Jahrzehnte später, geht es mir wieder so: Ich komme nie an der Dekoration der Schaufenster in der Lichtentaler Straße 43 vorbei, ohne stehen zu bleiben und zu schwelgen. Ein kleiner, verkramter Laden, Gegenentwurf zu den kühlen, großflächigen Verkaufstempeln der heutigen modernen Zeit. Das Gefühl ist dasselbe wie früher, nur sind es heute - statt der Sahnebonbons - diese Objekte, die mein Herz schneller klopfen lassen:





 
Immer wieder entdecke ich da etwas, das ich schon immer gesucht habe. Diese Schaufenster lassen Wünsche wach werden, man sieht etwas und malt sich sofort die passenden Rezepte aus...

Mit anderen Worten: Willkommen im Paradies der Köche, oder, wie es nüchtern an der Schaufensterscheibe heißt: „Lehner – Hotel- & Küchenbedarf“.

 
Natürlich werden hier nicht nur Gastwirte und Hoteliers bedient, auch Hobbykoch und Hausfrau kommen gern in den kleinen Laden und lassen sich beraten. Vollgestopft bis oben hin, ist hier alles griffbereit, was man fürs Kochen oder Backen brauchen könnte. Backförmchen, Messer, Korkenzieher, Töpfe, Kannen, Gläser, Geschirr, Pfannen, Mühlen... Eine wahre Schatzhöhle!



 
Und der Herr dieser Höhle, Wilhelm Lehner, steht wie ein Berg der Ruhe in dem überwältigenden Durcheinander. Hier wird handfest beraten, es wird nicht lange gefackelt. „Eine Pfanne für die Steinpilze?“, fragt er noch einmal nach, als ich mit meinem kleinen Schatz vom Wochenmarkt bei ihm hereinstolpere. Schon lange ärgere ich mich, dass ich nur große Pfannen habe, aber keine für diese Handvoll Herbstgold. Lehner wirft einen abschätzenden Blick auf die nicht sehr üppige aber dafür umso kostbarere Tüte und kramt geübt genau die richtige Pfanne heraus. Mit hohem Rand, „da können Sie alles schön rütteln und schwenken.“ Bei so viel Sachverstand fragt man erst gar nicht nach Alternativen.

Man würde sowieso keine bekommen. „Gastrolux sind die besten Pfannen, die es gibt“, sagt der Fachmann kategorisch. Dieser Mann ist eine Institution, deshalb man glaubt es ihm einfach. „Ich verkaufe hier nichts, was vorher nicht daheim getestet wurde“, verrät er mir ein paar Tage später, als ich ihn endlich zu einem Interview überreden kann. Das war ja schon lange mein Herzenswunsch.


 
Manchmal nämlich, wenn ich an dem Geschäft vorbeigehe, steht der Chef draußen im Hauseingang und guckt gemütlich, als sei die Zeit stehen geblieben. Als gäbe es kein Internet, keine Ein-Euro-Läden, keine Kneipenkrise, keinen Diätwahn, keine Existenzsorgen. Er steht da wie ein Denkmal aus einer anderen Welt. Dann wünscht man sich, er möge dort für immer stehen bleiben. Wie alt er wohl ist? Wie lange er seine Kochhöhle wohl noch betreiben mag?

Er lacht, als ich ihn mit solchen Fragen bestürme. 76 Jahre ist er, und ans Aufhören denkt er nicht eine Minute. Warum auch? „Was soll ich denn daheim?“ fragt er verblüfft zurück. Kegeln und Spazierengehen? Das Tennis traut er sich ja nach seinem Herzinfarkt nicht mehr so recht zu. Nein, das würde ihn doch niemals ausfüllen. Sein Platz ist hier, in seinem Geschäft. Reichtümer häuft er zwar nicht an und er weiß auch nicht, wie es in Zukunft weitergehen wird, aber der Laden ist nun mal sein Lebensinhalt, Beruf und Hobby zugleich.

Schon gleich nach der Schule hat der gebürtige Allgäuer in seiner Heimatstadt Kempten eine kaufmännische Lehre begonnen, denn in die Fußstapfen seines Vater, des Käsereibesitzers, wollte er nicht treten. „Das hat schon damals keine Zukunft gehabt“, erinnert er sich. Aber seine Lehrstelle beim örtlichen Händler für Eisenwaren, Haushalts- und landwirtschaftliche Geräte war dicht am bäuerlichen Umfeld orientiert, und außerdem gab es ja auch noch die Oma, die Köchin war. Da lag das gewählte Berufsumfeld nicht weit.

Den jungen Gesellen hielt nach der Lehre allerdings nichts mehr in der Heimat. Er wollte sich verändern, und da kam ihm eine Anzeige im damaligen Handels-Blatt wie gerufen. Eine Stelle in Baden-Baden! „Der Name hat gleich gezogen“, weiß er noch. So reiste er 1960 hoffnungsfroh an die Oos, in einen Laden für Haushaltsartikel und Eisenwaren in der Lichtentaler Straße, schräg gegenüber des Standorts seines heutigen Geschäfts. Die Stadt hat ihm sofort gefallen, als er am Bahnhof in Oos in den Zug zum „alten Bahnhof“ umstieg und dann mit der Tram zum Augustaplatz fuhr.

Das böse Erwachen folgte allerdings auf dem Fuße. Der Hungerlohn machte ihm zu schaffen. „185 Markt bekam ich, und für das Zimmer – ausgerechnet auch noch im Haus des Chefs – wurden mir gleich wieder 110 Mark abgezogen. Beim Metzger am Augustaplatz gab es Mittagessen für rund 2 Mark. Da können Sie sich bei dreißig Tagen im Monat ausrechnen, wie das ausging.“ Nach einem Vierteljahr waren seine Ersparnisse aufgebraucht, und er trug sich mit dem Gedanken aufzugeben. Aber ein mitleidiger Stammkunde brachte ihn mit einer ähnlichen Firma in der Rheinstraße zusammen, und das klappte sofort. Auch die Bezahlung stimmte, und Willi Lehner war seitdem knapp zwanzig Jahre für den Innen- und Außendienst der Abteilung Hotel- und Gaststättenbedarf zuständig. 1980 kam die Firma in andere Hände, und Willi Lehner machte sich in der Lichtentaler Straße mit seinem jetzigen Geschäft selbständig.

„Das war damals eine schöne Zeit“, erinnert er sich. „Wir haben Gasthäuser im ganzen Schwarzwald, von Freiburg über Freudenstadt bis nach Karlsruhe beliefert.“ In diesen Spitzenzeiten zählte er in seiner Kartei 394 Wirtshäuser, Kliniken, Altenheime und Kantinen zu seinem festen Kundenstamm. Auch heute sind es noch mehrere hundert, auch wenn sich die Zeit sehr verändert hat. Kliniken und Betriebskantinen werden zusammengelegt und ordern zentral, Gasthäuser machen zu, weil die Jungen nicht mehr kommen und die Alten wegsterben, weil es kaum noch Kegelclubs und Skatrunden gibt, die die Wirtshäuser einst bevölkerten. Wo früher zu Familienfesten das Nebenzimmer gebucht wurde, weicht man heute in Vereinsheime oder die Festhalle aus und bewirtet seine Gäste selbst oder mit einem Partyervice. Er kann es den Leuten nicht verübeln, er schüttelt ja selbst den Kopf, als er mir vorrechnet, was er erst kürzlich beim Pizzaessen für vier Personen bezahlen musste.

Natürlich machen die Profiküchen immer noch einen großen Teil seines Geschäfts aus, das Leasinggeschäft läuft ebenfalls noch gut, auch wenn ihm diverse Partyservice-Firmen das Leben schwer machen. Allein in seinem Lager in der Rheinstraße hält er Teller, Gläser und Besteck bereit, mit denen er Veranstaltungen für bis zu zweihundert Gäste bestücken kann.




Aber die Hobbyköche sind auf dem Vormarsch. Und für die öffnet er seine Schatzhöhle natürlich ebenso gern. „Die jungen Leute kochen ganz hervorragend“, schwant ihm, wenn er sich anhört, was sie warum bei ihm bestellen. Fünfzig Prozent Privatkundschaft hat er heute.

Hat er das Sortiment angepasst? Zum Beispiel auf die Molekularküche, die ja ganz besondere Utensilien benötigt? Dieser Trend ist schon wieder am Abklingen, schätzt er. Bei ihm kauft man eher Bodenständiges. „60 verschiedene Messersorten habe ich im Sortiment, aber trotzdem fehlt jeden Tag was anderes.“ Denn jeder hat unterschiedliche Bedürfnisse: Der eine will eine dünne Klinge, der nächste eine starre oder mit Säge, ohne Säge... oder japanisch, geschmiedet, Keramik...“ Er kann jedem dienen. Gerade ausländische Kunden seien ganz verrückt nach Messern, auf denen „Solingen“ steht, er persönlich hingegen schwört auf diese Messer mit dem schwarz-weißen Querschnitt als Markenzeichen:

 
Da kam auch schon mal ein Kunde eigens aus New York ganz gezielt zu ihm, um ein solches Messer für seine Oma nachzukaufen, die vor 50 Jahren ausgewandert war und darauf bestand, nur solche zu benutzen.

„Es gibt nichts, das ich nicht besorgen kann“, sagt Lehner mit berechtigtem Stolz.

Selbst wenn er einmal etwas nicht auf Lager hat, ist es im Nu bestellt. So hat er auch einmal einer Russin, die in ihrem eigenen Flugzeug gekommen war, vier Fleischwölfe verkauft, das Stück zu 2000 Euro, bar auf die Hand. Natürlich hatte er keine vier Geräte auf Lager, und der Lieferweg aus Westfalen hätte drei Tagen gedauert. Da kann Herr Lehner auch schon mal energisch werden. „Setz dich ins Auto und bring die selber her, am besten gleich zum Flughafen, und anschließend kommst du zu mir, und ich gebe dir das Geld.“, hat er dem Lieferanten eingeheizt. Und siehe da, es klappte wie am Schnürchen. Lehner deutet ein Lachen an, als er sich daran erinnert.

Überhaupt kann er von den viel zititerten „Russen in Baden-Baden“ nur das allerbeste berichten. „Wenn ihnen etwas gefällt, dann kaufen sie es.“ Korkenzieher, Pfeffermühlen oder teure Kellnerkorkenzieher gehen gerne als Mitbringsel ins Reisegepäck der Gäste aus den ehemaligen GUS-Ländern.

Manchmal darf es auch etwas Ausgefallenes sein. Lehners größter Deal: Eine Grillstation in Form ein Dampflokomotive mit einem extra Kartoffelkocher inklusive. Ein Riesenteil, das sich ein so genannter „Russe“ in seinen Garten seiner Villa in Baden-Baden liefern lassen wollte. Aus einem spontanen Bauchgefühl entschied Lehner, seinem Kunden das bestellte Teil nicht wie sonst üblich persönlich zu bringen, sondern die Spedition direkt zur Lieferadresse zu schicken. „Das war mein Glück. Das Ding – und das wusste ich vorher nicht - hat sieben Zentner gewogen.“ Das freut ihn noch heute.

Eine letzte Frage drängt sich auf, auch wenn sie mit eigentlich überflüssig erscheint: Wie steht der Herr Lehner denn selbst zum Kochen? Wahrscheinlich schwingt er am Feierabend Suppenkelle und Kochlöffel mit wahrer Hingabe? Die Urkunde, die da unauffällig neben ihm aufgestellt ist, bietet solch eine Schlussfolgerung an.

 
Aber ich ernte auf meine Frage nur gutmütiges Lachen. Nein, mit Kochen hat der famose Herr Lehner, der Herr über alle erdenklichen Küchengerätschaften, so gar nichts am Hut. Klar, ein Rührei würde er hinbekommen, aber ansonsten überlässt er den Herd denen, die davon mehr verstehen: Seiner Frau und seiner Tochter. Kein „gastrosexueller Mann“ also, von denen die Zeitungen im Augenblick voll sind, nein, bei Lehners wird bodenständig badisch gekocht und mit Hingabe gespeist. Kartoffelsuppe mit Zwetschgenkuchen, Käsekartoffeln, Bratkartoffeln mit Sauermilch...

Eben kommt ein älterer Herr in den Laden und holt etwas ab, das er bestellt hat. Er strahlt über das ganze Gesicht, als er mit dem kleinen Päckchen wieder hinausgeht. Auch Lehner strahlt, als er mir leise erklärt: „Seine Frau ist schwer krank und kann nur sehr mühsam und langsam essen. Deshalb habe ich ihm einen Warmhalteteller für sie besorgt. Ich glaube, das hilft den beiden jetzt richtig.“

Das sind die Momente, in denen die Freude am Beruf die Sorgen vor der Zukunft bei weitem überwiegt. Gerade das Internet macht Lehner zunehmend zu schaffen. Er will nicht viel damit zu tun haben, es gibt noch nicht mal eine Website von seinem Geschäft. Wenn etwas online zu regeln ist, übernimmt das für ihn seine Tochter, die im Hintergrund mitarbeitet.

Aber noch sieht er optimistisch in die Zukunft. Ihn finden eine Kunden von nah und fern auch ohne Internetauftritt, besonders gern kommen auch Gäste der vielen Kongresse zu ihm in den Laden, um in ihrer freien Zeit nach Dingen zu stöbern, wofür sie sich im Alltag nicht die Zeit nehmen.

Wie lautet denn sein Ausblick? „Man darf nie aufgeben.“

Und was ist sein größter Wunsch? Er überlegt nicht lange. „Dass sich der Augustaplatz vorteilhaft für die Geschäftsleute ringsum entwickelt.“ - Nun, da haben wir ja ein gemeinsames Thema! Und so kommen wir an diesem Tag zum Mittagessen beide zu spät.



+++ Nicht nur zur Weihnachtszeit: Wilhelm Lehner ist neuerdings DHL-Station, er bringt also für die Post Päckchen und Pakete auf den Weg. Stressfrei, ohne lange Schlangen!
Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 9 bis 12.30 Uhr und 14.15 bis 18 Uhr, Samstag 9 bis (nur in der Weihnachtszeit) 16 Uhr. 



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