Samstag, 26. März 2016

Alltagswahn - Paketshop


Hier schreibt Michael Beck über seine zum Teil deftigen Alltagsabenteuer - nicht ganz bierernst zu nehmen! Heute:


Der Paketshop des Grauens


Eiliger Versand nach Berlin. Paket gepackt und zum Paketshop gefahren.
Immer ein wenig zäh die Annahme, aber es funktioniert und der Carrier zerstört keine Pakete beim Transport.

Oha, neues Personal in Sicht! Blond, seeeehr blond, jung und unglaublich sexy. Denkt sie jedenfalls.

Ich wuchte mein Paket auf den Tresen und sage freundlich „Guten Tag“. 
Ihr Kaugummi quietscht auf den Zähnen. 
„Hi!“ hören meine in die Jahre gekommenen Ohren leise, überdeckt von einer Kakophonie quietschenden Kaugummis. Zwei Kuhaugen starren mich an. „Wollen Sie ein Paket schicken?“ 
„Nein, ich trage sowas immer mit mir rum. Natürlich will ich ein Paket VERschicken.“ 
Der Kaugummi quietscht (wie große Kaugummis gibt´s eigentlich? Muss ein Tennisball sein), die Kuhaugen blicken weiter völlig teilnahmslos. „Das ist aber groß!“
 „Hmja, ist Paketklasse L, nichts besonderes.“ 
Sie zieht es näher an sich ran, ihre Hände liegen auf dem Paket und versuchen es anzuheben – idealer Griff für das Vorhaben, so von oben. Ich starre auf ihre Fingernägel: Nagelstudio hat sich ausgetobt. Bonbonfarben und Palmen mit Äffchen und Nüssen. Kokosnüssen. Sie sieht meinen Blick, verzieht das bunt lackierte Gesicht zu einer Art Grinsen und sagt: „Schick, gell?“ 
„Ich finde es grauslig!“ – Tourette habe ich manchmal, manchmal auch gerne. 
„Echt??? Was würden Sie denn cool finden?“
 „Schwarz mit goldenen Pünktchen! Könnten wir jetzt das Paket…“
 „Schwarz hatte ich schon mal, das hat aber nicht lange gehalten.“ unterbricht sie mich. Die Klauen sind ungefähr so lang, wie die Krallen meines Kangals – ist mir schleierhaft, wie man mit sowas Duschen kann, ohne auszusehen wie ein Mordopfer bei Hitchcock, aber nun. 
„L-Klasse..“ erinnere ich sie und wedle mit meinem Geldschein. 

Das Dings nickt und zückt das Maßband. 
„Können Sie bleiben lassen, ist ein 70/30 Normkarton, sicherheitsverstärkt, Gurtmaß 112. Liefern wir seit 2 Jahren hier ein.“
 „Ist aber groß, ich muss das nachmessen, sonst bekomm ich Ärger.“ 
Die Krallen erweisen sich als kontraproduktiv bei der Handhabung eines Maßbandes. Schließlich kommt sie auf ein Gurtmaß von 140 cm. 
„Das ist viel zu viel!“ schmatzt die Kaugummimasse. 
„Das sind 112 cm…“ erwidere ich.
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Weil ich das Paket daheim vermessen habe.“
„Wieso?“ Ehrliches Interesse schlägt mir entgegen. 
„Weil ich sonst nicht wüsste, welches Etikett ich ausdrucken müsste! Kommen Sie, wir messen je eine Seite separat und ich halte unten das Maßband, ok?“ Völlig überrumpelt stimmt sie zu. Ich halte den Beginn des Maßbandes, sie schaut ganz genau, ob ich auch nicht mogle. 
„42 cm!“ matscht es in meine Ohren. 
„Ich weiß…“ knirsche ich zwischen den Zähnen – „Wollen Sie´s aufschreiben?“ 
Entrüstetes Kopfschütteln. „70 cm!“ tönt es. 
„Und das macht zusammen?“ frage ich im Unverstand. 
Der Kaugummi erhöht seine Temperatur, so schnell wird jetzt gekaut. „132 – sage ich doch, das ist zu groß!“ triumphiert das Gesamtkunstwerk. Ich rechne ihr 70+30+12 vor und habe Erfolg. 
Wir kommen endlich zum Scanvorgang. Der Handscanner piept zweimal ich lege meinen Geldschein hin und sie drückt noch einmal mit gerunzelter Stirn 2 Tasten (was sonst nie jemand macht). „15,90 € macht das.“
 „Nein, das macht 9,99 €! Was haben Sie denn gemacht?“ Wahrscheinlich hat sie noch den Sonderformatszuschlag zugebucht. Der Etikettendrucker spuckt den Beweis aus. 
Die Schilderung der Durchführung des Stornovorgangs spare ich mir jetzt. Endlich klebt der richtige Bäpper neben dem Versandetikett, da kommt die Frage. „Das ist so schwer, können Sie´s nicht da hinten hinstellen?“
 „Nein, ich bin kein Gorilla.“
 „Hä?“
 „Nur ein Gorilla hätte so lange Arme, dass er von hier aus das Paket zu den anderen stellen könnte. Oder soll ich jetzt über den Tresen hüpfen???“

Ein Schmollmund formt sich und das Paket wird ächzend und schwankend auf die bereits wartenden geklatscht. 3 Zalando- und ein BonPrix-Paket verlieren je fünfzig Prozent ihrer Volumina – sind hoffentlich nur Klamotten drin. „Ooh, so schwer…“ 
„Gewichtsklasse bis 35 kg!“ töne ich verzweifelt, weil ich befürchte, dass sie es jetzt wiegen will. 
„Nee, ich wiege 52 kg, aber ich mach gerade Diät.“ strahlt sie mich an um sofort voller Sorgen ihre Studionägel zu kontrollieren.
Ich giere verzweifelt nach meiner Quittung und flüchte dann. Zwei Supermarktkassiererinnen nebendran klatschen sich auf die Schenkel vor Vergnügen, hinter mir ploppt eine Kaugummiblase.