Mittwoch, 29. August 2018

Ticketservice

Der Ticketservice ist umgezogen
Dostojewski-Haus statt Trinkhalle

Das ist schon was anderes: Wer künftig Tickets für Veranstaltungen in Baden-Baden kaufen möchte, begibt sich nicht mehr wie in den letzzten 20 Jahren in den Kurgarten in eine wunderschöne altehrwürdige Wandelhalle mit Säulengang als Entree und (manchmal) plätscherndem Heil(?)/Thermal(?)-Wasser-Brunnnen, sondern muss sich umgewöhnen.





Bäderstraße 2 heißt die neue Anschrift.  

Hingucker: Zwischen den Balkonen mit großen Verkaufsplakaten der Hinweis, dass Dostojewski in diesem Haus gewohnt hat...


Nicht ganz einfach zu erklären, wo man das neue Büro nun findet. Fußgängerzone. Ganz hinten im Bäderviertel. Dostojewski-Haus? Nie gehört, gestehen so gar Einheimische. Einigen Leerstand gibt es hier, direkt gegenüber eine Geschäftsaufgabe, dennoch Auto an Auto, Bushaltestelle vor der Tür (wird aber nur fünfmal am Tag bedient, samstags zweimal, sonntags nie)... 




absolutes Halteverbot vor der Tür, dennoch überall Lieferverkehr, dazu herumirrende Touristen auf der Suche nach … 



Das ist inzwischen landauf, landab das neue Fußgängerzonen-Feeling, auch in Baden-Baden, denn gerade hier sind die Immobilienpreise und damit auch die Mieten für Ladenraum oft unerschwinglich teuer. 
 
Mittendrin nun also der Ticketservice. Man wird sich umgewöhnen (müssen):

Optimal ist die Lage beileibe nicht, da hätte man sich eigentlich eine Örtlichkeit eher in der Nähe des Bürgerbüros gewünscht (wo zum Zeitpunkt der Ideenfindung sogar etwas frei gewesen wäre). 

Geschäftsführer Peter Schlaile beim Pressetermin. Hier ein gestelltes Foto...


Eng geht es zu, einige Quadratmeter misst der kleine Laden nur. Im Gegensatz zur geräumigen Trinkhalle ist das für fünf Mitarbeiter schon ein Einschnitt. Aber wieviel Diskretion braucht der Kunde, wenn er Konzertkarten kauft?

... dann kamen die ersten Kunden, und es wurde wirklich eng
 
... vorher...

Wie dem auch sei! Umgezogen ist umgezogen. Und auch wenn noch niemand weiß, warum eigentlich (Pläne für die frei gewordene Trinkhalle hat die Bäder- und Kurverwaltung noch nicht – jedenfalls noch nicht öffentlich geäußert), hilft alles Jammern und Wehklagen ja nichts. 

Irgendwie klangen die Ermunterungen bei der kleinen Einweihung des neuen Standortes gestern eher wie das Pfeifen im dunklen Wald: Es gibt eine Bushaltestelle (der Linie 204, 205 und 214), die tatsächlich ähnlich weit entfernt ist vom Standort wie früher die hoch frequentierte Tallinie. Parkhäuser gibt es auch in der Nähe. Überhaupt: Für Leute aus dem Murgtal wird das Büro nun leichter zu erreichen sein. Und dass es kein KundenWC mehr gibt - nun, auch dafür wird sich schon noch eine Lösung finden.




Oberbürgermeisterin Margret Mergen (rechts auf dem Foto) fand den Standort bei ihrer kurzen, überraschenden Stoppvisite auch deshalb gut, weil er vielleicht (oder hoffentlich?) diesen stiefmütterlichen Teil der Fußgängerzone mit mehr Leben erfüllen wird.
 
Selbst der Umstand, dass eine Abgrenzung des Ticketservices gegen den Immobilienhändler im gleichen Haus schwer sein wird, kann man das auch positiv sehen: „Kaufen Sie Events statt Immobilien!“, so OB Mergen lachend.







Die Chefin des Ticketservices, Jess Doenges, lächelt und schweigt zu alledem. Sie sieht immer gerne nach vorne (Hier ein Beitrag aus dem Jahr 2014 über sie => KLICK). 

Immerhin: Die Umzugskartons sind ausgepackt, alles ist an Ort und Stelle, Telefon und Internet funktionieren, die ersten Kunden haben den Weg schon gefunden und holen ihre Karten ab. Behindertengerecht ist das Büro zwar nicht, aber es gibt eine Verbindungstür zum barrierereien Eingang beim Immobilienhändler nebenan.

In Zeiten des Telefons und Internets gibt es auch gute Nachrichten:

Die Telefonnummer bleibt gleich: 
Tel. 07221 - 932700

Die Mail-Adresse sowieso (und hier gibt wirklich sehr zeitnahen, supe netten Service!)

An den Öffnungszeiten ändert sich ebenfalls nichts: 
Dienstag bis Samstag 10 bis 18 Uhr, Sonntag 14 bis 18 Uhr.

Und das Beste zum Schluss: Das Team ist auch noch das gewohnte. Gewohnt freundlich, zuvorkommend, hilfsbereit, kompetent. 



An alles andere werden wir uns schon noch gewöhnen...





 





Samstag, 25. August 2018

Große Woche 2018


Lieb und vielleicht bald teuer:
Große Woche startet zum 160. Mal 

Eine Woche lang steht Baden-Baden ab heute – im 160. Jahr übrigens - ganz im Zeichen des Galoppsports. Und so freute sich Oberbürgermeisterin Margret Mergen gestern natürlich sehr, nun schon zum fünften Mal in ihrer Amtszeit zum Beginn der „Großen Woche“  beim traditionellen offiziellen Empfang im Casino zahlreiche Gäste zu begrüßen. Die Große Woche sei „DAS“ Highlight für die gesamte Region, dem nicht nur eingefleischte Pferdesportfreunde alljährlich entgegenfieberten, betonte sie. 

 

Zum 160jährigen Jubiläum gebe es darüber hinaus zusätzliche Höhepunkte, sagte sie und nannte den neuen „Walk of Fame“, an dem alle Gewinner der Goldenen Peitsche verewigt werden, den „Tag der Nachwuchsförderung“ mit Rennen für junge Reittalente, „Mr. Ed“, den elektronischen Rennpferdsimulator, die Veranstaltung „Galopp meets Fitness“, den traditionellen „KSC Kinder & Familientag“ oder den „Ladies Day“. 



Dass man diese neuen Angebote nicht von ungefähr eingeführt hat, gestand Baden-Racing-Chef Andreas Jacobs ein. Er erinnerte in seiner eindrücklichen Rede an die Insolvenz im Jahre 2009/2010, die damals für alle vollkommen unvorstellbar und überraschend kam. Aber durch den Schulterschluss der Bürgermeister von Baden-Baden und Iffezheim, der Sparkasse und vieler Partner sei es dann doch gelungen, die Rennbahn weiterzubetreiben - und somit in der Lage zu sein, heute 160 Jahre Bestehen zu feiern.

Warum es wieder aufwärts ging und warum die Rennbahn heute so erfolgreich ist? Weil sie etwas ganz besonderes bietet:

Erstens den Sport: In Iffezheim werde der beste Galopprennsport Deutschlands gezeigt, so Jacobs. Das Preisgeld der Rennen liege hier durchschnittlich bei 22 000 Euro, während es  auf den anderen Bahnen in Deutschland bei rund 10 000 Euro liege. Auch gebe es hier wichtige Rennen für zweijährige und dreijährige Pferde.

Zweitens das Ambiente: "Eine Rennbahn ist dann schön, wenn die Menschen Spaß haben." Die Leute gingen eben gerne nach Iffezheim, sie zeigten sich gerne elegant gekleidet, die Rennbahn sei einfach "society-relevant", noch dazu, wenn dann nächste Woche etwa auf dem Grand Prix-Ball der Galopper des Jahres gekürt werde. 

"Man kann nur weiterbestehen, wenn man Innnovationsführer war und bleibt", sagte Jacobs. Er erinnerte an einige solcher Innovations-Meilensteine wie die erste Jährlingsauktion 1963, oder an die "Emirates World Series", bei denen Preisgelder von einer Million Euro ausgelobt wurden und die 2000 bis 2005 in Iffezheim stattfanden.

Und was werden die Innovationen der Zukunft sein, damit man auch noch das 170., 175. oder 200. Jahr des Bestehens wird feiern können? Für Jacobs liegt es auf der Hand. "Sehen Sie sich die Jugend von heute an", sagte er. "Die stellen sich nicht geduldig in eine Schlange von acht oder zehn Menschen, um ihren Tipp abzugeben." Aus diesem Grund wage man ab heute in Iffezheim wieder etwas Brandneues: Die testweise Einführung einer App.

Allerdings gab er den Offiziellen unter den Versammelten auch etwas zum Knabbern mit auf den Weg: Man innoviere und renoviere ständig an der Bahn, damit sich alle wohlfühlten, auch Kinder und Familien. Dies alles seien aber beileibe keine privaten Investitionen, es handele sich hier schließlich nicht um privaten Veranstaltungen, sondern die Rennbahn stehe allen aus der Region offen. Ein Schulterschluss zwischen privater und öffentlicher Seite sei daher dringend notwendig. Was und welche Höhe er damit meinte, sagte er auch frank und frei heraus: Konkurrent Hoppegarten beispielsweise werde mit zehn Millionen Euro aus öffentlicher Hand unterstützt... 

Diese Nachricht musste erst mal verdaut werden, was aber mithilfe einer Einlage des wie immer witzig aus dem Handgelenk kalauernden Baden-Badener Schauspieler Max Ruhbaum problemlos gelang. 

Hier geht es zur Webseite von Baden-Racing mit allen Terminen, Wett-Tipps und Angeboten, die für einen  Besuch der Rennbahn interessant sein könnten. => KLICK

An den Renntagen fahren übrigens (zum normalen KVV-Tarif) Sonderbusse vom Bahnhof Baden-Baden direkt bis zur Rennbahn und auch wieder zurück. Den Fahrplan entnehmen Sie bitte der Seite der Stadtwerke Baden-Baden => KLICK

Während der Großen Woche sorgt abends ein reichhaltiges kulinarisches und musikalisches Programm im Kurpark Baden-Baden für Abwechslung. Näheres finden Sie hier => KLICK





Montag, 23. Juli 2018

bunt - S.O.S.


Fast 500 Teilnehmer demonstrierten für
ein humanes und rechtsstaatliches Europa

Auf große Resonanz der Baden-Badener stieß die Kundgebung „S.O.S. Europa – Stoppt das Sterben im Mittelmeer“, die das Bündnis „Baden-Baden ist bunt“, die Europa-Union, der Pulse of Europe, die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen und der Verein „Junge Flüchtlinge Rastatt“ organisiert hatten, und dem sich desweiteren auch Caritasverband und attac anschlossen. Bis nahezu 500 Teilnehmer kamen gestern auf den Augustaplatz – ehe der Regen die Menge etwas verkleinerte.











Überraschungsgäste waren zwei Mitglieder der Crew der „Lifeline“, des Rettungsschiffes, dessen Einsatz beziehungsweise Verhinderung des Einsatzes bundesweite für Schlagzeilen gesorgt hatten, nachdem das Schiff mit 234 geretteten Migranten an Bord tagelang auf dem Meer ausharren musste, bis es schließlich auf Malta anlegen konnte. 



 
Der medizinische Leiter der Lifeline, Georg Albiez, war mit Crew-Mitglied Karola Malek gekommen und schilderte seine Eindrücke. 



 
Oliver Ehret vom Pulse of Europe wartete mit nüchternen, aber umso erschreckenderen Zahlen auf. 




Franz Alt sehr eindringlich deutlich machte, was und wer die Fluchtursachen sind.
Hier der Link zu seiner Rede, die er in Auszügen auf seiner Webseite „Sonnenseite“ veröffentlicht hat => KLICK





Pfarrer Thomas Weiß von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen mahnte zu mehr Christlichkeit und Humanität. 



Zum Abschluss berichtete Khalil Khalil aus Syrien im Dialog mit Werner Henn von der Europa-Union seine Flucht auf dem Schlauchboot über das Mittelmeer.



Donnerstag, 19. Juli 2018

Alina Szapocznikow


Sommerausstellung in der Kunsthalle
zur Vergänglichkeit des Menschen

Radikal. Intensiv. Und irgendwie auch ein bisschen gruselig.

So präsentiert sich die Sommerausstellung der staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, die am morgigen Freitag (20. Juli) um 19 Uhr eröffnet wird (freier Eintritt, ab 21 Uhr großes Sommerfest!). 




Da ragt eine überdimensionierte Hand in den Raum, da liegt ein kleines Bein auf einem Block, da sind Eingeweide zu sehen, das Innere wird nach außen gekehrt. Ein Kussmund wird zur Lampe, Krebsgeschwüre werden zu Anschauungsobjekten, der eigene Sohn zur unsterblichen Skulptur...





Bouquet II


Menschliche Landschaften“, so heißt die Ausstellung, kuratiert von Luisa Heese, die bereits vor 14 Jahren auf die 1973 verstorbene polnische Künstlerin Alina Szapocznikow aufmerksam geworden war. Damals hatte sie ein Werk der Künstlerin in Warschau entdeckt – heute nun ist sie sichtbar stolz darauf, die erste große Überblicksausstellung über die Werke der Künstlerin in Deutschland zeigen zu können.

Der Zuschauer braucht starke Nerven und eine Führung oder den Audio-Guide, um sich die Schichten der Bedeutungen zu erarbeiten. 


Aschenbecher des Junggesellen
 
Die Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins war das Thema der Künstlerin, die als polnische Jüdin ihre Jugendjahre in Konzentrationslagern überlebte, bevor sie über Prag nach Paris zog. 1969 erfuhr die Künstlerin, dass sie an Krebs erkrankt war, und setzte sich bis zur ihrem Tod 1973 im Alter von nur 47 Jahren intensiv mit diesem Thema auseinander. Sogar der Inszenierung ihrer eigenen Beerdigung ist der Betrachter ausgesetzt.

Der menschliche Körper und seine Vergänglichkeit prägten von Anbeginn Alina Szapocznikows Schaffen. Nach einer klassischen Bildhauerausbildung begann sie mit verschiedenen Materialien zu arbeiten: Bronze, Gips oder Stein, später Kunstharz und ein schwarzer Schaum. Sie zerlegte den menschlichen Körper in seine Einzelteile, setzte sie wieder neu zusammen oder ließ sie für sich alleine stehen. Oft stand auch ihr eigener Körper Pate für Abdrücke in den verschiedenen Materialien. Es sei ein Schaffen zwischen den Polen des menschlichen Daseins, der Sexualität und dem Sterben, erläuterte Luisa Heese (rechts) beim Presserundgang mit Kunsthallenchef Johan Holten (links). 


 

Lustvolle Schönheit steht neben abgründiger Todesnähe. Themen, die sicher auch in der Zeit ihrer Entstehung begründet sind. Die Werke, die zwischen 1954 und 1973 geschaffen wurden und zum Teil auch auf der documenta 12 und documenta 14 präsentiert wurden, sind ab Samstag, 21. Juli bis zum 7. Oktober zu sehen. 


 

Der Eintritt kostet 7 Euro, freitags ist der Eintritt frei. Am Samstag, 28. Juli, gibt es während der langen Nacht der Museen abends Sonderführungen und Jazz, am Mittwoch, 1. August und Mittwoch 4. September gibt es einen Power Lunch mit der Kunst, weitere Punkte des interessanten Rahmenprogramms mit Diskussion, Film und Musik sind auf der Webseite zu finden => KLICK

 

Freitag, 15. Juni 2018

Ad Minoliti


Von Hexen und grünen Händen

Dass Hexen und schwarze Kater zusammengehören, weiß jedes Kind. Aber haben Sie gewusst, dass in Trickfilmen die Farbe für Hexen meistens grün ist? Oder dass eine grüne Hand in Argentinien und auch anderswo als Symbol für Abtreibungsbefürworter gilt? 

 


Das sollten Sie wissen, wenn Sie über den Sommer der staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden einen Besuch abstatten und auch einen Blick in den Studio-Raum 45 cbm werfen, der Experimentierküche für junge Kuratorinnen. Immer wieder kann man hier junge Talente entdecken und sich über ihre Kreativität und ihr Können freuen. 

Für die derzeitige Ausstellung ist Marie Himmerich verantwortlich, und sie hat hierfür die aufstrebende argentinische Künstlerin Ad Minoliti ausgewählt. Vor zwei Jahren war sie im Internet auf die vielseitige Künstlerin aufmerksam geworden, die sich, feministisch motiviert, mit der Geschichte der abstrakten und meist männlichen Malerei auseinandersetzt. 

"Coven" (=Hexenzirkel) heißt die Ausstellung, für die ein eigens für die Kunsthalle entworfenes Wandbild gefertigt wurde, in das auch ein Video mit digital erstellten Collagen integriert ist. Die Arbeiten der 1980 in Buenos Aires geborene Künstlerin erfahren übrigens zunehmend Aufmerksamkeit. So plant das Museo de Arte Moderno de Buenos Aires im kommenden Jahr eine museale Einzelausstellung mit ihr. 

Heute (15. Juni) ist um 19 Uhr feierliche Eröffnung (Eintritt frei). Die Werke sind bis 2. September 2018 zu sehen. Der Blick in den kleinen Studioraum kostet nichts. 

 

Freitag, 8. Juni 2018

Turrell


Turrell-Ausstellung im Museum Frieder Burda:
Vom Glück, mit allen Sinnen im Licht zu baden

Sensationell! Ein anderes Wort passt wohl nicht zu dem, was ab Samstag, 9. Juni 2018, im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen ist. Zu sehen? Zu erleben! Man badet darin. Man verläuft sich. Verliert sich. Alles ist umgekrempelt, nichts ist mehr, wie es war. Das fängt schon beim Museumsbau selbst an, in dem sich unlängst sogar der Hausherr verirrte, wie am Rande der Pressekonferenz vor der Eröffnung der großen Sommerausstellung zu hören war. 


 

Um was oder wen geht es?

James Turrell. Dieser Name steht für Licht. Viel Licht. Und Visionen. Nicht das Sehen steht im Mittelpunkt, sondern das Fühlen und Erleben mit allen Sinnen. 




Selbst die ganz normalen, handfesten Bauarbeiter, die in den letzten zwei Wochen schier Unmenschliches vollbracht hatten und vier große Sattelzüge Baumaterial verbaut haben, waren am Ende – wie übrigens alle anderen Mitarbeiter des Hauses - erschöpft, müde, stolz und glücklich. „Das ist wirklich Kunst, wir werden mit unseren Familien wiederkommen“ hätten die Handwerker zum Schluss freudestrahlend verkündet, hieß es – und nicht nur ihnen geht so. 


 

Die Besucher werden sofort in den Bann des Lichts gezogen, in die Lichtwelten, die James Turrell erschaffen hat. Es gab noch keine ähnliche retrospektivisch angeordnete Ausstellung in Europa, verkündete der Chef des Museums, Henning Schaper denn auch mit großer Genugtuung. Er muss es wissen, ist er doch schon länger mit dem Künstler von Weltruhm befreundet: Bereits vor neun Jahren, als er noch Museumsdirektor in Wolfsburg war, gab es dort eine Ausstellung mit Turrell. 



Aber die jetzige Show im Museum des Kunstsammlers Frieder Burda in Baden-Baden übertrifft alles! 





Das Schaffen Turrells aus 50 Jahren wurde hier zusammengefasst, von den ersten Jugendarbeiten Turrells (Raethro-Green) bis zum neuesten Werk, die „Accretion Disk“ aus der Serie „Curved elliptical Glass“, die 2018 eigens für die Sammlung Frieder Burdas geschaffen wurde und im Untergeschoss des Museums dauerhaft zu sehen ist: Eine Scheibe aus Gas, die mit sich ständig verändernden Lichtfarben, wie um einen neugeborenen Stern rotiert. Ein Bank lädt in dem kleinen Sonderraum dazu ein, sitzen zu bleiben, und das Kunstwerk in Ruhe auf sich wirken zu lassen. 


 

Die Ausstellung ist, wie Schaper bei der Pressevorstellung erklärte, in fünf Werkgruppen oder besser Rauminstallationen, eingeteilt und gibt einen umfassenden Überblick über Turrells Schaffen. „Eine völlig andere Wahrnehmenserfahrung im Museum“ verspricht der Chef, denn die Gäste sind nicht reine Zuschauer, sondern werden Teil der Kunst. „Das ist ein intensiver, direkter Dialog mit Kunst, man muss es sehen und spüren“, schwärmte Schaper, und alle Mitarbeiter, die die Ausstellung seit dem Aufbau begleitet hatten, nickten begeistert. 

 

Der langjährige Freund Turrells, Professor Wulf Herzogenrath aus Bremen, pflichtete dem bei. „Ganzheitlich“ erleben müsse man die Ausstellung, deshalb heiße das Werk im Erdgeschoss auch „Ganzfeld“. Dieser Lichtraum, den man übrigens nur in begrenzter Anzahl und mit Filzschuhen betreten darf, sorgte schon auf der Venedig Biennale 2011 für Furore.

Und auch der 1943 in Los Angeles geborene Künstler hatte allen Grund zum Strahlen. Ausstellungen seiner Werke dürfen nur mit seiner Zustimmung und unter seinem Mitwirken aufgebaut und gezeigt werden, während der letzten zwei Wochen war also auch Turrell selbst in Baden-Baden präsent, um alles zu begleiten. Vom Ergebnis zeigte er er sich sehr zufrieden, er habe den Aufenthalt sehr genossen, sagte er.



Auch sein Herzensprojekt, der Roden Crater, wird vorgestellt. Dies ist Turrells ehrgeizigstes Werk: Bei einem Flug über die Wüste Arizonas entdeckte er in den 70er Jahren einen erloschenen Vulkan und baut ihn seitdem zu einem gigantischen Himmelsobservatorium mit unterirdischen Schächten, Hallen und Stollen um – derzeit das größte Kunstwerk auf der Erde! Modelle, Fotografien und eine Filmdokumentation geben einen Eindruck dieses gigantischen „Tempels“.




Dass die Show ein Riesenerfolg werden wird, ist schon jetzt klar. Das Museum hat deshalb vorgesorgt. Damit die Schlangen nicht ins Unermessliche wachsen, gibt es online-Tickets mit einem Zeitfenster. Wer so ein Ticket hat, darf im angegebenen Zeitraum an den Schlangen vorbei. Allerdings wird es auch im Innern des Museums Wartezeiten geben, denn zum Beispiel der Lichtraum „Ganzfeld“ darf einfach nur von wenigen Besuchern zugleich betreten werden, sonst nimmt man sich gegenseitig das Licht weg. Und das wäre sehr schade um einen absolut unvergesslichen Eindruck! Also Geduld mitbringen und die Bereitschaft, sich mit allen Sinnen auf das Experiment Licht einzulassen!

Die Ausstellung öffnet am Samstag, 9. Juni, und ist bis zum 28. Oktober 2018 zu erleben. Fotografieren ist nicht erlaubt. 

Hier geht es zur Webseite des Museums mit allen weiteren Hinweisen, dem Link zum online-Ticket und zum Begleitprogramm => KLICK

Und hier der Link zu "Badisches.de". Auf diesem Online-Portal hat Georg von Langsdorff ein Video zur Ausstellung gedreht. Sehenswert! => KLICK 





Freitag, 2. März 2018

Ausstellen


Vom Ausstellen des Ausstellens...

Drinnen oder draußen? Wo stellt man aus? Und wie? Und was? Und warum? Mit der Kunst des Ausstellens befasst sich ab heute bis zum 17. Juni 2018 die neue Ausstellung der staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden. 500 Jahre lassen die Verantwortlichen Revue passieren und gehen gleichzeitig auch ganz neue Wege. Wo sind die Grenzen? Gibt es überhaupt Grenzen? Wie hat sich das Ausstellen im Laufe der Jahrhunderte gewandelt? Wie hat es sich im Laufe der letzten  Jahrzehnte gewandelt? All dem kann man nun nachspüren, in den Sälen der Kunsthalle, die - wie immer – viele Überraschungen bereithalten, aber auch draußen in der Natur und anderswo in der Stadt. Künstlerische Streubomben habe man ausgelegt, sagte der Leiter der Kunsthalle, Johan Holten, gestern bei der Pressekonferenz, und in der Tat, die Überraschungseier liegen überall:

In der Lichtentaler Allee im weißen Kubus von Fabian Knecht (mehr dazu hier => KLICK)




und - etwas über Griffhöhe (damit Ordnungsfanatiker sie nicht abreißen können) - an den Bäumen...



... etwas versteckt im Gebüsch als fremdländische Vogelstimmen, in Geschäften der Innenstadt (wie witzig: eine fantasievolle Bauarbeiteruniform an der Dauerbaustelle Leopoldsplatz)...



... in einer Buchhandlung (mehr dazu hier => Klick) ...




... und in der berühmten Confiserie Rumpelmayer in Form einer kunstvollen Torte, (die übrigens bald in kleiner Form Nachahmung finden und gekauft und verspeist werden kann).




Hauptspielort ist allerdings und natürlich die Kunsthalle selbst, in der Vitrinen gesammelt... 



... und alte Ausstellungsansichten aufgehängt wurden...


 

... man sich - in Zeitlupe - von einer Sitzbank fahren lassen kann...




... aber auch profane Putzeimer (der Lappen war noch nass) das Alltagsgeschehen hinter einer Ausstellung ausstellen...




Auch kann man als Besucher eine der leeren Vitrinen erobern und so für eine gewisse Zeit selber Teil der Ausstellung werden...



Wie immer also: eine Ausstellung voller Überraschungen, liebevoll und intelligent zusammengetragen und zur Schau gestellt. Da weiß man nicht, was wem die Schau "stiehlt"...




Heute um 19 Uhr findet die offizielle Einführung mit Johan Holten statt, ab 21 Uhr wird dies durch ein Konzert in der Konzertmuschel vor dem Kurhaus ergänzt, wo John Bock etwas mit dem skurrilen Titel „Eidotter-Hypoxie-Theorem“ zum Besten geben wird. Wünschen wir dem Künstler gutes Wetter und der Ausstellung bis zum 17. Juni ein aufgeschlossenes, gut gelauntes Publikum. Eine Audiotour ist vermutlich dringend empfohlen, der große Katalog kostet 35 Euro, und das Rahmenprogramm verspricht diverse Kunstvergnügen durch die Monate hindurch, vom Power Lunch mit Führung, über Konzerte und Performances, Yoga im Museum, Abendführungen mit Taschenlampe, Speeddating mit der Kunst, Schnitzeljagd für Kinder und, und, und. Das Programm im Einzelnen ist auf der Webseite der Kunsthalle nachzulesen. => KLICK

Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 – 18 Uhr (auch der weiße Kubus in der Allee), Eintritt 7 Euro, freitags frei.

Für die Positionen der künstlerischen "Streubomben" im Stadtgebiet kann man einen faltbaren Stadtplan mitnehmen.