Donnerstag, 19. Juli 2018

Alina Szapocznikow


Sommerausstellung in der Kunsthalle
zur Vergänglichkeit des Menschen

Radikal. Intensiv. Und irgendwie auch ein bisschen gruselig.

So präsentiert sich die Sommerausstellung der staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, die am morgigen Freitag (20. Juli) um 19 Uhr eröffnet wird (freier Eintritt, ab 21 Uhr großes Sommerfest!). 




Da ragt eine überdimensionierte Hand in den Raum, da liegt ein kleines Bein auf einem Block, da sind Eingeweide zu sehen, das Innere wird nach außen gekehrt. Ein Kussmund wird zur Lampe, Krebsgeschwüre werden zu Anschauungsobjekten, der eigene Sohn zur unsterblichen Skulptur...





Bouquet II


Menschliche Landschaften“, so heißt die Ausstellung, kuratiert von Luisa Heese, die bereits vor 14 Jahren auf die 1973 verstorbene polnische Künstlerin Alina Szapocznikow aufmerksam geworden war. Damals hatte sie ein Werk der Künstlerin in Warschau entdeckt – heute nun ist sie sichtbar stolz darauf, die erste große Überblicksausstellung über die Werke der Künstlerin in Deutschland zeigen zu können.

Der Zuschauer braucht starke Nerven und eine Führung oder den Audio-Guide, um sich die Schichten der Bedeutungen zu erarbeiten. 


Aschenbecher des Junggesellen
 
Die Zerbrechlichkeit des menschlichen Daseins war das Thema der Künstlerin, die als polnische Jüdin ihre Jugendjahre in Konzentrationslagern überlebte, bevor sie über Prag nach Paris zog. 1969 erfuhr die Künstlerin, dass sie an Krebs erkrankt war, und setzte sich bis zur ihrem Tod 1973 im Alter von nur 47 Jahren intensiv mit diesem Thema auseinander. Sogar der Inszenierung ihrer eigenen Beerdigung ist der Betrachter ausgesetzt.

Der menschliche Körper und seine Vergänglichkeit prägten von Anbeginn Alina Szapocznikows Schaffen. Nach einer klassischen Bildhauerausbildung begann sie mit verschiedenen Materialien zu arbeiten: Bronze, Gips oder Stein, später Kunstharz und ein schwarzer Schaum. Sie zerlegte den menschlichen Körper in seine Einzelteile, setzte sie wieder neu zusammen oder ließ sie für sich alleine stehen. Oft stand auch ihr eigener Körper Pate für Abdrücke in den verschiedenen Materialien. Es sei ein Schaffen zwischen den Polen des menschlichen Daseins, der Sexualität und dem Sterben, erläuterte Luisa Heese (rechts) beim Presserundgang mit Kunsthallenchef Johan Holten (links). 


 

Lustvolle Schönheit steht neben abgründiger Todesnähe. Themen, die sicher auch in der Zeit ihrer Entstehung begründet sind. Die Werke, die zwischen 1954 und 1973 geschaffen wurden und zum Teil auch auf der documenta 12 und documenta 14 präsentiert wurden, sind ab Samstag, 21. Juli bis zum 7. Oktober zu sehen. 


 

Der Eintritt kostet 7 Euro, freitags ist der Eintritt frei. Am Samstag, 28. Juli, gibt es während der langen Nacht der Museen abends Sonderführungen und Jazz, am Mittwoch, 1. August und Mittwoch 4. September gibt es einen Power Lunch mit der Kunst, weitere Punkte des interessanten Rahmenprogramms mit Diskussion, Film und Musik sind auf der Webseite zu finden => KLICK

 

Freitag, 15. Juni 2018

Ad Minoliti


Von Hexen und grünen Händen

Dass Hexen und schwarze Kater zusammengehören, weiß jedes Kind. Aber haben Sie gewusst, dass in Trickfilmen die Farbe für Hexen meistens grün ist? Oder dass eine grüne Hand in Argentinien und auch anderswo als Symbol für Abtreibungsbefürworter gilt? 

 


Das sollten Sie wissen, wenn Sie über den Sommer der staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden einen Besuch abstatten und auch einen Blick in den Studio-Raum 45 cbm werfen, der Experimentierküche für junge Kuratorinnen. Immer wieder kann man hier junge Talente entdecken und sich über ihre Kreativität und ihr Können freuen. 

Für die derzeitige Ausstellung ist Marie Himmerich verantwortlich, und sie hat hierfür die aufstrebende argentinische Künstlerin Ad Minoliti ausgewählt. Vor zwei Jahren war sie im Internet auf die vielseitige Künstlerin aufmerksam geworden, die sich, feministisch motiviert, mit der Geschichte der abstrakten und meist männlichen Malerei auseinandersetzt. 

"Coven" (=Hexenzirkel) heißt die Ausstellung, für die ein eigens für die Kunsthalle entworfenes Wandbild gefertigt wurde, in das auch ein Video mit digital erstellten Collagen integriert ist. Die Arbeiten der 1980 in Buenos Aires geborene Künstlerin erfahren übrigens zunehmend Aufmerksamkeit. So plant das Museo de Arte Moderno de Buenos Aires im kommenden Jahr eine museale Einzelausstellung mit ihr. 

Heute (15. Juni) ist um 19 Uhr feierliche Eröffnung (Eintritt frei). Die Werke sind bis 2. September 2018 zu sehen. Der Blick in den kleinen Studioraum kostet nichts. 

 

Freitag, 8. Juni 2018

Turrell


Turrell-Ausstellung im Museum Frieder Burda:
Vom Glück, mit allen Sinnen im Licht zu baden

Sensationell! Ein anderes Wort passt wohl nicht zu dem, was ab Samstag, 9. Juni 2018, im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zu sehen ist. Zu sehen? Zu erleben! Man badet darin. Man verläuft sich. Verliert sich. Alles ist umgekrempelt, nichts ist mehr, wie es war. Das fängt schon beim Museumsbau selbst an, in dem sich unlängst sogar der Hausherr verirrte, wie am Rande der Pressekonferenz vor der Eröffnung der großen Sommerausstellung zu hören war. 


 

Um was oder wen geht es?

James Turrell. Dieser Name steht für Licht. Viel Licht. Und Visionen. Nicht das Sehen steht im Mittelpunkt, sondern das Fühlen und Erleben mit allen Sinnen. 




Selbst die ganz normalen, handfesten Bauarbeiter, die in den letzten zwei Wochen schier Unmenschliches vollbracht hatten und vier große Sattelzüge Baumaterial verbaut haben, waren am Ende – wie übrigens alle anderen Mitarbeiter des Hauses - erschöpft, müde, stolz und glücklich. „Das ist wirklich Kunst, wir werden mit unseren Familien wiederkommen“ hätten die Handwerker zum Schluss freudestrahlend verkündet, hieß es – und nicht nur ihnen geht so. 


 

Die Besucher werden sofort in den Bann des Lichts gezogen, in die Lichtwelten, die James Turrell erschaffen hat. Es gab noch keine ähnliche retrospektivisch angeordnete Ausstellung in Europa, verkündete der Chef des Museums, Henning Schaper denn auch mit großer Genugtuung. Er muss es wissen, ist er doch schon länger mit dem Künstler von Weltruhm befreundet: Bereits vor neun Jahren, als er noch Museumsdirektor in Wolfsburg war, gab es dort eine Ausstellung mit Turrell. 



Aber die jetzige Show im Museum des Kunstsammlers Frieder Burda in Baden-Baden übertrifft alles! 





Das Schaffen Turrells aus 50 Jahren wurde hier zusammengefasst, von den ersten Jugendarbeiten Turrells (Raethro-Green) bis zum neuesten Werk, die „Accretion Disk“ aus der Serie „Curved elliptical Glass“, die 2018 eigens für die Sammlung Frieder Burdas geschaffen wurde und im Untergeschoss des Museums dauerhaft zu sehen ist: Eine Scheibe aus Gas, die mit sich ständig verändernden Lichtfarben, wie um einen neugeborenen Stern rotiert. Ein Bank lädt in dem kleinen Sonderraum dazu ein, sitzen zu bleiben, und das Kunstwerk in Ruhe auf sich wirken zu lassen. 


 

Die Ausstellung ist, wie Schaper bei der Pressevorstellung erklärte, in fünf Werkgruppen oder besser Rauminstallationen, eingeteilt und gibt einen umfassenden Überblick über Turrells Schaffen. „Eine völlig andere Wahrnehmenserfahrung im Museum“ verspricht der Chef, denn die Gäste sind nicht reine Zuschauer, sondern werden Teil der Kunst. „Das ist ein intensiver, direkter Dialog mit Kunst, man muss es sehen und spüren“, schwärmte Schaper, und alle Mitarbeiter, die die Ausstellung seit dem Aufbau begleitet hatten, nickten begeistert. 

 

Der langjährige Freund Turrells, Professor Wulf Herzogenrath aus Bremen, pflichtete dem bei. „Ganzheitlich“ erleben müsse man die Ausstellung, deshalb heiße das Werk im Erdgeschoss auch „Ganzfeld“. Dieser Lichtraum, den man übrigens nur in begrenzter Anzahl und mit Filzschuhen betreten darf, sorgte schon auf der Venedig Biennale 2011 für Furore.

Und auch der 1943 in Los Angeles geborene Künstler hatte allen Grund zum Strahlen. Ausstellungen seiner Werke dürfen nur mit seiner Zustimmung und unter seinem Mitwirken aufgebaut und gezeigt werden, während der letzten zwei Wochen war also auch Turrell selbst in Baden-Baden präsent, um alles zu begleiten. Vom Ergebnis zeigte er er sich sehr zufrieden, er habe den Aufenthalt sehr genossen, sagte er.



Auch sein Herzensprojekt, der Roden Crater, wird vorgestellt. Dies ist Turrells ehrgeizigstes Werk: Bei einem Flug über die Wüste Arizonas entdeckte er in den 70er Jahren einen erloschenen Vulkan und baut ihn seitdem zu einem gigantischen Himmelsobservatorium mit unterirdischen Schächten, Hallen und Stollen um – derzeit das größte Kunstwerk auf der Erde! Modelle, Fotografien und eine Filmdokumentation geben einen Eindruck dieses gigantischen „Tempels“.




Dass die Show ein Riesenerfolg werden wird, ist schon jetzt klar. Das Museum hat deshalb vorgesorgt. Damit die Schlangen nicht ins Unermessliche wachsen, gibt es online-Tickets mit einem Zeitfenster. Wer so ein Ticket hat, darf im angegebenen Zeitraum an den Schlangen vorbei. Allerdings wird es auch im Innern des Museums Wartezeiten geben, denn zum Beispiel der Lichtraum „Ganzfeld“ darf einfach nur von wenigen Besuchern zugleich betreten werden, sonst nimmt man sich gegenseitig das Licht weg. Und das wäre sehr schade um einen absolut unvergesslichen Eindruck! Also Geduld mitbringen und die Bereitschaft, sich mit allen Sinnen auf das Experiment Licht einzulassen!

Die Ausstellung öffnet am Samstag, 9. Juni, und ist bis zum 28. Oktober 2018 zu erleben. Fotografieren ist nicht erlaubt. 

Hier geht es zur Webseite des Museums mit allen weiteren Hinweisen, dem Link zum online-Ticket und zum Begleitprogramm => KLICK

Und hier der Link zu "Badisches.de". Auf diesem Online-Portal hat Georg von Langsdorff ein Video zur Ausstellung gedreht. Sehenswert! => KLICK 





Freitag, 2. März 2018

Ausstellen


Vom Ausstellen des Ausstellens...

Drinnen oder draußen? Wo stellt man aus? Und wie? Und was? Und warum? Mit der Kunst des Ausstellens befasst sich ab heute bis zum 17. Juni 2018 die neue Ausstellung der staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden. 500 Jahre lassen die Verantwortlichen Revue passieren und gehen gleichzeitig auch ganz neue Wege. Wo sind die Grenzen? Gibt es überhaupt Grenzen? Wie hat sich das Ausstellen im Laufe der Jahrhunderte gewandelt? Wie hat es sich im Laufe der letzten  Jahrzehnte gewandelt? All dem kann man nun nachspüren, in den Sälen der Kunsthalle, die - wie immer – viele Überraschungen bereithalten, aber auch draußen in der Natur und anderswo in der Stadt. Künstlerische Streubomben habe man ausgelegt, sagte der Leiter der Kunsthalle, Johan Holten, gestern bei der Pressekonferenz, und in der Tat, die Überraschungseier liegen überall:

In der Lichtentaler Allee im weißen Kubus von Fabian Knecht (mehr dazu hier => KLICK)




und - etwas über Griffhöhe (damit Ordnungsfanatiker sie nicht abreißen können) - an den Bäumen...



... etwas versteckt im Gebüsch als fremdländische Vogelstimmen, in Geschäften der Innenstadt (wie witzig: eine fantasievolle Bauarbeiteruniform an der Dauerbaustelle Leopoldsplatz)...



... in einer Buchhandlung (mehr dazu hier => Klick) ...




... und in der berühmten Confiserie Rumpelmayer in Form einer kunstvollen Torte, (die übrigens bald in kleiner Form Nachahmung finden und gekauft und verspeist werden kann).




Hauptspielort ist allerdings und natürlich die Kunsthalle selbst, in der Vitrinen gesammelt... 



... und alte Ausstellungsansichten aufgehängt wurden...


 

... man sich - in Zeitlupe - von einer Sitzbank fahren lassen kann...




... aber auch profane Putzeimer (der Lappen war noch nass) das Alltagsgeschehen hinter einer Ausstellung ausstellen...




Auch kann man als Besucher eine der leeren Vitrinen erobern und so für eine gewisse Zeit selber Teil der Ausstellung werden...



Wie immer also: eine Ausstellung voller Überraschungen, liebevoll und intelligent zusammengetragen und zur Schau gestellt. Da weiß man nicht, was wem die Schau "stiehlt"...




Heute um 19 Uhr findet die offizielle Einführung mit Johan Holten statt, ab 21 Uhr wird dies durch ein Konzert in der Konzertmuschel vor dem Kurhaus ergänzt, wo John Bock etwas mit dem skurrilen Titel „Eidotter-Hypoxie-Theorem“ zum Besten geben wird. Wünschen wir dem Künstler gutes Wetter und der Ausstellung bis zum 17. Juni ein aufgeschlossenes, gut gelauntes Publikum. Eine Audiotour ist vermutlich dringend empfohlen, der große Katalog kostet 35 Euro, und das Rahmenprogramm verspricht diverse Kunstvergnügen durch die Monate hindurch, vom Power Lunch mit Führung, über Konzerte und Performances, Yoga im Museum, Abendführungen mit Taschenlampe, Speeddating mit der Kunst, Schnitzeljagd für Kinder und, und, und. Das Programm im Einzelnen ist auf der Webseite der Kunsthalle nachzulesen. => KLICK

Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 – 18 Uhr (auch der weiße Kubus in der Allee), Eintritt 7 Euro, freitags frei.

Für die Positionen der künstlerischen "Streubomben" im Stadtgebiet kann man einen faltbaren Stadtplan mitnehmen.



Donnerstag, 1. März 2018

Buchhandling


Bauch an Bauch statt Rücken an Rücken
Eine Buchhandlung steht kopf


Wer in diesen Tagen die Buchhandlung Straß in der Baden-Badener Fußgängerzone betritt, wird sich verwundert die Augen reiben. Keine bunten Bücher mehr, im Gegenteil: Weiß. Alles weiß. Die Bücher stehen nicht, wie üblich, mit den lesbaren Rücken zum Kunden, sondern zeigen ihm die kalten, weißen Bäuche.



Verwirrt blinzelt man, wendet sich ratlos dem Buchhändler zu, der nur lacht und einem begeistert und augenzwinkernd einen Zettel in die Hand drückt. Josua Straß ist ab sofort bis Mitte Juni Teil der großen Sonderausstellung der staatlichen Kunsthalle. Nach dem Motto „Ausstellen des Ausstellens“ mutiert sein Geschäft von der Buchhandlung zum Buchhandling, wird sein Laden also selbst zu einem Kunstwerk.



 
Die Künstlerin Claudia de la Torre steckt hinter dieser Installation. Ihre Idee: „Ein Buchladen ist ein Ort der ständigen Veränderung und mit eigenen Regeln. Bücher werden in einer bestimmten Reihenfolge einsortiert, die Buchcover werden in der Regel sichtbar oder parallel zueinander angeordnet, so dass die auf dem Buchrücken gedruckten Titel gelesen und somit leicht gefunden werden können“, heißt es in der Beschreibung des Kunstprojekts. „Aber diese geordnete Reihenfolge ist nur eine zeitliche. Jeden Tag werden neue Buchtitel geliefert und verkauft. Immer wieder müssen die Bücher daher auf dem begrenzten Raum von Bücherregalen und Tischen umgestaltet werden. 



Buchhandling“ greift in diese Struktur ein und dreht den Spieß um. Wenn man nur mehr die weißen Rückseiten sieht, verschiebt sich die Beziehung von Besuchern und Buchhändlern zu Büchern, wird der ganze Buchladen zu einer Skulptur. 
 
Damit ist es aber nicht getan. Es soll auch gezeigt werden, dass eine Buchhandlung wie ein organisches Wesen ist, und so wird sich das Aussehen des Laden Tag für Tag wieder zurück verändern: Jedes Mal wird ein Buch wieder in die gewohnte Position gedreht, wenn etwas mit dem Buch geschieht, zum Beispiel wenn
- ein Besucher nach einem bestimmten Buch fragt,
- es ein neues Buch ist, das in den Laden kommt,
- oder ein Buch gekauft wird.

Da kommt dann auch viel Arbeit auf Josua Straß, den rührigen Buchhändler und sein Team zu, denn: Jedes Buch, das diesen Regeln folgt, wird aufgeschrieben. Am Ende der Ausstellung, also am 17. Juni, wird diese Liste an Claudia de la Torre übergeben und die Künstlerin wird die Liste als Buch veröffentlichen, das dann wiederum in der Buchhandlung gekauft werden kann.




Und wie sieht Josua Straß das?

"Eine Buchhandlung ist doch auch ein Kulturraum; selbstverständlich habe ich gerne bei dem Projekt mitgemacht und mein Team ist genauso begeistert", sagte er heute Mittag, als die Presse seinen kleinen Laden stürmte. Natürlich rechne er in den kommenden Monaten auch mit einem gewissen Einnahmenverlust, vor allem bei Kunden, die gerne stöbern und sich vom Cover eines Buches inspirieren lassen. Aber er könne in seinem Geschäft gar nicht alles auf Profit auslegen, manche Bücher ließen sich zum Beispiel auch nur schwer an den Mann bringen, man müsse sie aber im Bestand haben. Das sehe er als seine kulturelle Aufgabe an. Andererseits hofft er natürlich, dass sich auch neue Kunden zu ihm verirren werden, weil sie auf die Aktion neugierig geworden sind. Zum anderen stehe eine spannende Zeit bevor, wenn sich - wie in einem Kreislauf - ganz allmählich wieder Buchrücken für Buchrücken zeigen werde. Was wird das wohl bei den Kunden auslösen? Man merkt dem engagierten Buchhändler an, wie sehr er sich schon jetzt auf einen unegwöhnlichen Dialog mit seiner Kundschaft freut.

Die Sonderausstellung der staatlichen Kunsthalle, die morgen offiziell um 19 Uhr (Eintritt frei) eröffnet wird, erstreckt sich über das ganze Stadtgebiet und reicht von der Baumskulptur im weißen Kubus mitten in der Lichtentaler Allee über Schlösser an einer Oosbrücke bis hin zu kunstvollen Torten zum Reinbeißen. In der staatlichen Kunsthalle gibt es natürlich die Ausstellung zur Ausstellung des Ausstellens, und man kann hier auch selber Teil der Ausstellung werden. Mehr dazu morgen.

Hier geht zu einem ausführlichen Bericht über diesen bemerkenswerten, preisgekrönten Buchhändler => KLICK


 

Mittwoch, 14. Februar 2018

White Box


Ein Baumstamm im Kubus 
und essbare Skulpturen

Es gibt ja das Sprichwort „Wer weiß, wozu das Schlechte gut ist“. Das trifft dieser Tage ganz besonders auf den altehrwürdigen Mammutbaum in der Lichtentaler Allee gegenüber des Burda-Museums zu, der beim großen Sturm im Dezember seine Standfestigkeit verlor und im stolzen Alter von 140 Jahren gekappt werden musste. 



Traurig und irgendwie auch trotzig ragte seitdem sein quer halbierter Stamm in die Höhe, und manch ein Spaziergänger fragte sich, seit wann denn das sonst so emsige Gartenamt halbe Sachen macht. Gestern ließ der Direktor der staatlichen Kunsthalle, Johan Holten, die Katze aus dem Sack: Der abgesägte Stamm wurde noch gebraucht. Für ein Kunstprojekt der anderen Art. Der Künstler Fabian Knecht aus Berlin hat ihn sich für ein zeitlich begrenztes Werk auserkoren. 




Seit vorgestern wird rund um den mächtige Baumstumpf nun gezimmert und gesägt, und in ein paar Tagen wird von dem Stamm nur noch der obere Teil zu sehen sein. Der Rest wird in einer begehbaren „temporären Ausstellungshalle“ verschwinden, einer White Box, die dieses markante Stück Natur quasi umrahmen, ja umarmen wird.

Die Ausmaßes des Kubus' werden gewaltig sein: zwölf mal vier mal vier Meter. Außen Natur, innen weiß, und zwar so weiß in grelles Neonlicht getaucht, dass selbst die tief verschorfte Rinde keinen Schatten mehr werfen soll.

Das Kunstwerk wird für die neue Landesausstellung der staatlichen Kunsthalle aufgebaut, die unter dem Motto „Ausstellen des Ausstellens“ vom 3. März bis zum 17. Juni zu sehen sein wird. 

Und wie die Baden-Badener es schon von früheren Landesschauen gewohnt sind, wird sich die Sonderausstellung nicht auf das Haus der Kunsthalle allein erstrecken, sondern sich in der Umgebung ausbreiten: Im Freien, wo in 100 Bäumen Zeichnungen wehen werden, im Burda- LA8- und Stadtmuseum, in denen man „künstlerische Streubomben" platzieren wird, neben der Kunsthalle, wo es künstliches Vogelgezwitscher zu hören gibt – und eben im weißen Kubus in der Allee, der jeden Tag zwischen 10 und 18 begehbar sein wird. 



„Es geht uns darum, die Leute mit Kunst zu konfrontieren, nicht um Eintrittskarten zu verkaufen“, erläuterte Johan Holten gestern, als er der örtlichen Presse die Aktion vorstellte. Aber natürlich hofft man darauf, dass der eine oder andere Spaziergänger, auf diese Weise neugierig gemacht, dann doch den Weg in die gar nicht so heiligen Hallen finden wird. In diesem Sinne liest sich der Veranstaltungskalender für die Landesausstellung sehr spannend; es sind unterschiedlichste Aktionen geplant. Das beginnt mit einer Performance in (!) der Oos und einem ungewöhnlichen Konzert in der Muschel am Kurhaus, geht über Speed-Dating mit der Kunst und Yoga im Museum bis hin zum Power-Lunch mit Kunst (20 Minuten Führung plus Mittagessen), Schnitzeljagd für Kinder und Abendführung mit der Taschenlampe. 

Und im Stadtgebiet wird es umgedrehte Bücher vor der Buchhandlung Straß, Fotografien im alten Dampfbad, gravierte Vorhängeschlösser an einer Oosbrücke und essbare Skulpturen aus Marzipan zu bestaunen geben. Mit anderen Worten: Ab 3. März heißt es: Augen auf in Baden-Baden! 

Der kunstvolle Mammutbaum in der Box hat übrigens am Ende der dreimonatigen Schau noch lange nicht als "temporäres Kunstwerk" ausgedient. Ist die White-Box am Ende wieder abgebaut, wandert das Holz weiter in kundige Künstlerhand: Karl-Manfred Rennertz wird aus dem Stamm dann etwas Bleibendes schaffen. 



 

Freitag, 19. Januar 2018

Ana Naves


Nudeln, Haare, Cappuccino
= Kunst, Alltag und Design

Hereinspaziert! Staunen Sie! Erinnern Sie sich! Lachen Sie! Stutzen Sie! Wundern Sie sich! Auch über den Namen der Ausstellung: „Sich die Haare nach dem Mond schneiden“... Das Motto ist ja schon kennzeichnend für die ganze Schau. 
 
Selten war der kleine 45-Kubikmeter-Experimentierraum der Kunsthalle so bunt und voll wie derzeit. Auf Einladung von Kuratorin Luisa Heese hat die Künstlerin Ana Naves viele ihrer Werke mitgebracht und in dem kleinen Raum im Erdgeschoss der staatlichen Kunsthalle zu einer räumlichen Collage neu arrangiert. 

Dinge, die man aus dem Alltag (Crema-Verzierungen auf dem Cappuccino) oder aus der Vergangenheit (Lavalampe) kennt, findet man hier ebenso, wie eine überdimensionale Nudel, einen berühmten Designerstuhl oder ein kleines, aber feines Arrangement, in dem man erst bei genauem und nahen Betrachten sieht, dass es Reiskörner sind, auf die Namen geschrieben sind. 



Und schon ist man mitten drin in der Kunst, im Alltag, im Design und in der Verbindung dieser drei Welten, wie Ana Naves sie sieht. Das Kunstwerk am Boden darf man betreten, es ist erst hier in Baden-Baden entstanden und zeigt einen Alltagsgegenstand, der aber so entfremdet ist, dass man ihn nur errät, wenn man weiß, was er darstellen soll. 



Sehen Sie also genau hin, wenn Sie das nächste Mal in die Kunsthalle gehen. Vielleicht heute schon? Denn heute um 19 Uhr wird die Ausstellung feierlich und wie immer bei freiem Eintritt eröffnet. Zu sehen ist sie bis 4. März. Besuchen Sie den Studioraum! Es lohnt sich. Freitags ist auch der Eintritt in die große Ausstellung des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh in der Kunsthalle „If found please return to Lagos“ => KLICK frei.




Die Werke von Ana Navas (*1984 in Quito, Ecuador) spielen mit dem Zeitgeist. Als Meisterschülerin bei Franz Ackermann schloss Ana Navas ihr Studium der Bildenden Kunst 2011 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe ab. Navas erhielt mehrere Preise und Stipendien, unter anderem 2015 am CEAAC (Centre Européen d’Actions Artistiques Contemporaines) Strassburg, sowie Studienaufenthalte an der Cité Internationale des Arts in Paris und 2018 an der Escuela FLORA ars+natura in Bogotá, Kolumbien. Sie war zwei Jahre Teil des niederländischen „De Ateliers“-Programm und lebt in Amsterdam.