Sonntag, 6. September 2015

Michael Hummel



Menschen in Baden-Baden, heute:

Michael Hummel



Eigentlich hatte er ja schon als Kind Architekt werden wollen. Er ist – mit einem fotografischen Gedächtnis ausgestattet - mit Architekturbüchern aufgewachsen, streifte fast jedes Wochenende durch die Räume der Würzburger Residenz und saugte auf diese Weise Einrichtungsstile und Kulturepochen in sich auf wie andere Jungen in seinem Alter Fußballtabellen. Eine barocke Kathedrale hätte er gern errichtet... Nun – das hat zwar nicht geklappt. Aber als Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Asylrecht baut Michael Hummel heute trotzdem: Brücken nämlich, auf denen Schutzsuchende aus aller Herren Länder durch den Dschungel der Vorschriften und Verordnungen letztendlich – vielleicht – einen Platz zum Leben in Sicherheit finden.



Unkonventionell ist der 37jährige, ein Querdenker, aufgeschlossen und sehr engagiert. So hilft er zum Beispiel ehrenamtlich im Arbeitskreis Asyl in Baden-Baden, hat in diesem Verein gleich einen Vorstandsposten übernommen. Jeden Dienstagabend sitzt er in den Beratungsstunden des AK Asyl in einer Flüchtlingsunterkunft in Baden-Baden und erteilt Ratschläge. Ehrenamtlich, wohlgemerkt. Häufig lehnt er Mandate ab, auch wenn ein Asylbewerber ihn darum bittet, seinen Fall zu übernehmen. „Das wird doch zu teuer für dich“, sagte er dann manchmal. „Die Anträge, die du brauchst, können die Ehrenamtlichen auch für dich stellen, dazu brauchst du mich nicht.“ Aber trotzdem guckt er dann natürlich noch einmal drüber und prüft, ob alles seine Richtigkeit hat.

Und diese soziale Ader lebt er auch. „Ich könnte und wollte das nicht in Vollzeit hauptberuflich machen“, wehrt er aufkeimenden Respekt vor seinem sozialen Engagement in aller Bescheidenheit ab. So arbeitet er zum Beispiel nebenher in einem Möbelgeschäft als Verkäufer, um wenigstens seine Krankenkassenbeiträge einbezahlen zu können.

Warum macht er das?

Weil er nur so als Berufsanfänger seine Unabhängigkeit und seine Freiheit behalten kann und ihm das wichtig ist. Die Alternative wäre, in einem größeren Büro unterzuschlüpfen – keine Alternative für ihn. Er liebt die Selbständigkeit, dieses freie Handeln und Entscheiden ohne einen Chef, der ihm dreinredet. Wobei auch das nicht so einfach ist für einen Einzelkämpfer: Länger als eine Woche darf ein Rechtsanwalt nämlich seiner Kanzlei nicht fernbleiben – ein Relikt aus einer Zeit ohne Emails, Handys und WhatsApp-Messenger. Gerade WhatsApp leistet dem mobilen und agilen Anwalt, schon heute große Dienste, um sich schnell mit seinen internationalen Mandanten auszutauschen und Schriftstücke hin- und herzujonglieren.



36 offizielle „Akten“ betreut Michael Hummel derzeit – das hört sich erst mal nicht viel an, aber man sollte bedenken, dass er seine Kanzlei erst vor eineinhalb Jahren eröffnet hat und die „Akten“ nicht mit Ende des Asylverfahrens geschlossen werden, sondern viele Folgesachen nach sich ziehen. Das ganze Leben breitet sich einem Betreuer im Laufe eines Asylverfahren aus, und die Begleitung geht später mit Ausländer- und Familienrecht immer weiter.

Von Vorteil ist ihm hier seine Sprachbegabung: Mühelos erklärt er die komplizierten Sachverhalte auch auf Englisch und Französisch, wechselt, ohne lange nachzudenken, zwischen den Sprachen, kann sich auch gut in die verschiedenen afrikanischen Sprechweisen hineinhören, die anderen Ehrenamtlichen oftmals Verständigungsschwierigkeiten bereiten.


Wie kommt man als gebürtiger Würzburger mit Hang zum Kirchenbau zu einer Anwaltskanzlei in Baden-Baden?

Michael Hummel zwinkert verschmitzt und gewährt einen Blick in die Vergangenheit seiner internationalen Familie. Da ist zum einen die Mutter: Griechisch-orthodox, getauft in Bad Kissingen. Die Großmutter: Russisch-orthodox, 1942 aus Russland geflüchtet, mit Wurzeln, die auf den legendären Dschingis Khan bis in die Goldene Horde =>KLICK und darüberhinaus auf Ursprünge in Saudi Arabien zurückreicht. 




Dann die Linie aus Baden-Baden: Der Ur-Urgroßvater: Englischer Arzt und einstiger Besitzer der Hofapotheke Rössler und einer Restauration in Straßburg. Der Ur-Großvater: ein Lebemann aus dem Geschlecht der Bilharz: Besitzer des legendären Hotels Terminus (gegenüber dem Festspielhaus) in Baden-Baden, das leider während der Weltwirtschaftskrise verkauft wurde.



Die Großeltern, beides Mathematiker, kamen zufällig im Allgäu zusammen, und der Großvater ließ sich später als Mathematikprofessor in Würzburg nieder, wo auch die Familie Hummel gegründet wurde.

Immer wieder kamen die Enkel in den Ferien nach Baden-Baden, in eine Wohnung, die wie ein Museum voller Antiquitäten steckte, wie sich Michael Hummel gerne erinnert. Einen Schrank aus dieser Zeit hat er übrigens gerettet, und dieses Möbelstück ist weit gereist: Würzburg, Baden-Baden, Berlin und wieder Baden-Baden, wo es heute schickes Stilelement im japanisch angehauchten Wartezimmer der Kanzleiräume ist.


Würzburg


Michael Hummel wuchs in Würzburg auf, ging gegenüber der dortigen Residenz in Hort und Schule, machte nach dem Abitur seinen Zivildienst und strebte dann natürlich erst einmal seinen Traumberuf an. Doch schon die erste Vorlesung an der Bauhaus-Universität in Weimar öffnete ihm die Augen. „Einigen von Ihnen wird das Studium zu eng sein – Sie werden schon bald in die freie Kunst wechseln – den anderen wird es nicht streng genug sein – Sie werden mal Juristen werden“, unkte einer der Architekturprofessoren zu Beginn. Und er sollte recht behalten. Auch Michael Hummel erkannte schnell, dass dieses Studium überhaupt nichts für einen Freigeist war, der so gerne Schlösser und Kirchen zeichnete und dem die strengen Stilvorgaben der heutigen Bauvorschriften zuwider sind. So wechselte er im Jahr 2000 an die Freie Universität nach Berlin und schlug sich mit Straf- und Schuldrecht herum. Nun ja - auch nicht gerade das Gelbe vom Ei.


England


Also nahm er nach dem ersten juristischen Staatsexamen 2006 eine Auszeit und ging nach England. Was zunächst als Urlaub geplant war, wuchs sich zu einem zweijährigen Aufenthalt aus. „Hier gehöre ich hin“, merkte er nämlich sofort. Die englische Lebens- und Denkweise passte einfach zu ihm.

Ein Versuch, sein deutsches Studium anerkennen zu lassen oder an der open University weiterzumachen scheiterte, doch so etwas schreckt jemanden wie Michael Hummel nicht. Dann arbeitete er eben in London als Optiker, als Koch und später auf dem Land auf einem Bio-Bauernhof. Den wollte er schließlich übernehmen und brach dafür in Deutschland alle Zelte ab. Doch als er nach Wohnungsauflösung und erforderlichem Papierkrieg nach England zurückkehrte, hatte sich sein Lebenstraum zerschlagen. Also zurück nach Berlin. Prenzlauer Berg, multikulti Ecke. Ein buntes Leben als Koch, dann als Verkäufer in einer Boutique schloss sich an. Fernziel: Geld für einen neuen Start in England verdienen.


Berlin


Aber: „In Berlin kann man kein Geld verdienen“, stellte er irgendwann ernüchtert fest. Er besann sich auf sein Studium und machte das zweite Staatsexamen. Während des Referendariats schnupperte er in die Arbeit der Luftfahrtbehörde, in der zu diesem Zeitpunkt gerade durchsickerte, dass der Eröffnungstermin des neuen Flughafens nicht zu halten sein werde, wechselte zur Staatsanwaltschaft, Abteilung Sexualstrafrecht, merkte in der Station Landgericht, wie absurd ihm die Denkweisen im Zivilrecht vorkamen und schnupperte in einer Anwaltskanzlei die Luft des Ausländerrechts.


Baden-Baden


Der Zufall wollte es, dass kurz vor dem zweiten Staatsexamen im Haus der Mutter in Baden-Baden eine Wohnung frei wurde. Schnell wurde klar, dass sie groß genug war, um in ihr zwei Räume als Kanzlei abzuzweigen. Und schon stellte sich die Gretchenfrage: Welches Fachgebiet würde es werden? Große Steuerkanzleien gab es in der Kurstadt schon genug. Aber da war doch das faszinierende Ausländerrecht... und das passte doch irgendwie zu seiner schillernden Lebensgeschichte!

Flugs wurde Kontakt zu amnesty international in Karlsruhe aufgenommen. „Braucht ihr einen Anwalt, der ehrenamtlich für euch tätig ist?“, fragte er nur, und schon lag der erste Fall auf dem Tisch: ein Mandant aus Syrien brauchte Rat in der Dublin-III-Thematik. Sofort merkte der Jung-Anwalt, dass es auf diesem Gebiet einen akuten Bedarf gab und gibt; er konnte gar nicht schnell genug seine Zulassung bei der Anwaltskammer holen, wie er mit Fällen eingedeckt wurde – hauptsächlich waren und sind es Syrer, die ihn - gegen Erfolgshonorar zumeist - engagieren. „Das hat sich bei ihnen rumgesprochen“, meint Hummel.

Ihm gefällt sein derzeitiger Status als Selbständiger, dem kein Chef reinreden kann, mit einer Kanzleigröße, die noch kein Sekretariat erfordert. „Das könnte ich mir als Berufsanfänger nicht leisten“, sagt er pragmatisch. Und ihn fasziniert das Thema Asyl. „Da kann ich mich gut ehrenamtlich engagieren“, lernte er - und genau das wollte er ja.

Es wäre ihm ein Graus, tagein, tagaus acht oder zehn Stunden in der Kanzlei zu sitzen und womöglich Verkehrsdelikte oder verquaste Zivilfälle zu vertreten. Gerade bei Asylverfahren erfahre man viel über die Mandanten. Mehr als in allen anderen Rechtsgebieten, die immer nur Teilbereiche der Menschen berühren.

Reich werden wird er auf diesem Gebiet nicht. „Was soll ich denn bei so langen Verfahren verlangen“, fragt er zurück. Früher habe es eine Bezahlung nach produzierten Schriftsatzseiten gegeben, das sei nun weggefallen, und seine Mandanten sind ja auch nicht alle auf Rosen gebettet. Oft räumt er ihnen Ratenzahlung ein, manchmal gibt er sich auch mit der Einladung zu einem selbst gekochten Essen zufrieden.

Was treibt ihn an?

Die Menschen interessieren mich. Ihre Schicksale lassen mich nicht kalt.“ Es befriedigt ihn, dass er als Jurist versuchen kann, das Beste für sie herauszuholen.

Und wo sieht er sich zehn Jahren? Schwere Frage. Vielleicht geht er doch irgendwann zurück auf die Insel? In England könne jeder Häuser bauen, wie er möchte, ohne große planerische Vorgaben. Man brauche nur einen guten Bauingenieur oder Statiker dafür. Sein Blick wird träumerisch, wenn er das erzählt, und wenn man sich in seiner Kanzlei und den Wohnräumen umsieht, merkt man, dass dieser Mann einen Hang für außergewöhnliche Stilepochen hat und noch für einige Überraschungen gut sein wird.

Aber im Augenblick hoffen und wünschen sich alle, die in Sachen Asyl in Baden-Baden engagiert sind, dass er sich diese Träumereien noch eine Zeit lang aus dem Kopf schlägt. Denn sie brauchen ihn hier. Dringend. Das sieht er auch selbst ein. Vermutlich werde er bald schon mit Anfragen überrannt, schätzt er, denn: „In Sachen Asyl haben wir schon bald ein einziges juristisches Chaos in Deutschland“, prognostiziert er. Da bleibt dann kein Raum mehr, auch nicht für noch so schöne Luftschlösser – oder vielleicht doch? Ein Fernziel hat er jedenfalls: Irgendwann einmal in der Lage zu sein, das Hotel Terminus wieder in den Schoß beziehungsweise Besitz der Familie zurückzuführen...

Aktualisierung:
Seit Oktober 2016 konzentriert sich Michael Hummel nur noch auf die ehrenamtliche Beratung des Arbeitskreises Asyl und der Flüchtlinge.  




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